Willfrieds Kanada-Logbuch 1994 | World Frontiers

Willfrieds Kanada-Logbuch 1994: Startbahn nach Westen

Es gibt Reisen, die beginnen mit einer großen Geste. Und dann gibt es diese hier. Die fängt an mit: Wecker klingelt. 6.30 Uhr. Dani steht unten. SXF wartet. Keine Dramaturgie, kein Pathos — nur die nackte Mechanik eines Abflugs, der schon beim Lesen klar macht: Hier ist jemand unterwegs, der nicht nur schauen will. Der festhalten will. Jede Minute. Jeden Kilometer. Jeden Cent.

Willfried Barghoorn schreibt nicht wie ein Reiseschriftsteller. Er schreibt wie ein Mann, der weiß, dass Erinnerung brüchig ist. Dass man in drei Jahren nicht mehr weiß, wie das Licht war, als man über Südgrönland flog. Dass man vergisst, wie sehr der Jetlag zerrt, wenn man um 13.30 Uhr in Toronto landet und sofort weiter muss nach Vancouver. Deshalb notiert er. Knapp. Präzise. Ohne Schnörkel. Und genau das macht diese Seiten so verdammt lebendig.

"Manche Leute reisen, um sich zu finden. Willfried reiste, um sich zu notieren."

Die Route? Groß. Sehr groß. Westlich von Dänemark, über Nordschottland, Südgrönland (Eis fotografiert!), Neufundland nach Toronto. Dann weiter mit Air Canada nach Vancouver. Century Plaza Hotel, 15. Stock. Blick auf die Stadt. Kein Wort darüber, wie er sich fühlt. Nur die Fakten. Aber zwischen den Zeilen spürt man es: Das ist der Moment, in dem alles größer wird als der Plan.

Denn Kanada beginnt hier nicht mit dem Wald. Es beginnt mit Flughäfen. Mit Bordkarten. Mit Zeitzonen, die den Körper durcheinanderbringen. Mit der sehr alten, sehr dummen Hoffnung, dass auf der anderen Seite des Kontinents alles noch ein bisschen weiter aussieht. Und spoiler alert: Es sieht weiter aus. Viel weiter. So weit, dass man am Ende 10.178 Kilometer auf dem Odometer stehen hat und nicht mehr genau weiß, wie man hierhergekommen ist.

"Fernweh ist am Anfang oft nur Logistik mit erhöhtem Puls: Wecker, Zoll, Bordkarten — und die feste Überzeugung, dass der Westen eine gute Idee sein muss."

Aber das ist erst der Auftakt. Die eigentliche Reise beginnt erst, als der Chevrolet Truck Camper gemietet wird. Typ T19. Nur 4.400 Kilometer gelaufen. Fast neu. Und dann geht's los: Vancouver-Stau. Abendfähre nach Vancouver Island. Wildcampen im Wald für 10 Dollar. Kreditkarte wird abgelehnt. PIN vergessen. Telefonkarten vom Automaten gefressen. Willkommen in Kanada.

Und genau dort beginnt der Reiz dieses Materials. Denn zu diesem Kanada-Block gehören nicht nur Flugdaten und Hotelnamen. Sondern auch die späteren Listenblätter: Benzin. Kilometerstände. Routenfolgen. Preise. Telefonnummern. Notizzettel. Die romantischste Form der Buchhaltung, die Reisen hervorbringen können. Wer so notiert, will nicht nur irgendwo gewesen sein. Er will den Weg festhalten, solange er noch warm ist.

"SXF, Toronto, Vancouver, Century Plaza — das ist noch nicht die Wildnis. Aber es ist genau der Moment davor, in dem jede Reise plötzlich größer wirkt als der Plan, der sie gestartet hat."

Was folgt, ist eine der gründlichsten Roadtrip-Dokumentationen, die man sich vorstellen kann. Butchart Gardens mit 45-Minuten-Feuerwerk. Whale-Watching (keine Wale, aber Seelöwen). Wasserflugzeug-Rundflug über die Seelöweninsel. Baden im eiskalten Pazifik am Long Beach. Whistler Village. Evas Hanghaus mit Bergblick. Lillooet über 9 Kilometer Schotterpiste. Juniper Beach Park mit Kakteen und 112-Waggon-Güterzügen, die nachts durchs Camp rattern. Glacier National Park. Rogers Pass. Yoho Nationalpark. Banff mit Gondel auf den Sulphur Mountain. Columbia Icefield mit Riesen-Schneemobil auf den Gletscher. Gletscherwasser trinken. 39 Dollar. Worth it.

Dann die staubige Piste nach Grande Prairie. Dawson Creek. Gottfried und Ulrikes 400-Hektar-Ranch mit Solarstrom und Biber-Creek-Dämmen. Willfried hilft beim Distelnspritzen. Abendbrot: Rehfleisch. Nächster Tag: Elchrouladen und Elchbuletten auf offenem Holzfeuer. Das ist kein Urlaub mehr. Das ist Leben.

Und am Ende? Die US-Zöllnerin beschlagnahmt eine Zitrone aus dem Camper-Kühlschrank. Seattle mit Fischwerfern am Pike Place Market. Camper-Rückgabe bei Cruise Canada. 500 Dollar Refund. Heimflug via Toronto nach Schönefeld. Antje wartet.

Diese Story bleibt bewusst quellentreu. Sie erzählt den klar lesbaren Auftakt über Flug, Toronto, Vancouver und Century Plaza — stützt sich aber zusätzlich auf die Nachbarseiten 0431 und 0432, auf denen bereits Mietwagen, Richtungswechsel und die ersten Kilometerlisten auftauchen. Alles Weitere — Motels, Etappen, Benzinmengen, Tageskosten und die lange Straßenlogik des Landes — wandert in den separaten Anhang. Dort zeigt sich, wie aus einem Flugtag langsam ein richtiges Roadbook wird.

Und genau das ist der Punkt. Diese Reise wurde nicht geschrieben, um zu beeindrucken. Sie wurde geschrieben, um sich zu erinnern. Und weil sie so ehrlich ist, beeindruckt sie trotzdem.


Das Tagebuch-Protokoll

Die Originalaufzeichnungen von Willfried Barghoorn zur USA/Kanada-Expedition. Ein ungeschönter Blick auf Flüge, Mietwagendetails und das raue Benzin- und Kostenlogbuch.

18. – 20. Juli 1994 // Start nach Westen & Camper-Miete Berlin -> Toronto -> Vancouver

06:30 Uhr aufgestanden, Dani fährt uns um 08:30 Uhr nach Berlin-Schönefeld (SXF). Abflug 10:30 Uhr mit Air Canada (B767) über Dänemark, Nordschottland, Neufundland (Südgrönland-Eis fotografiert) nach Toronto. Weiterflug nach Vancouver, Ankunft 17:15 Uhr. Wir beziehen eine Suite im Century Plaza Hotel (15. Stock, herrlicher Blick auf die Stadt). Am 20. Juli fahren wir per Skytrain nach Annacis Island zur Miete des fast neuen Chevrolet Truck Campers (Typ T19, nur 4400 km gelaufen). Wir quälen uns durch den Vancouver-Stau zur Abendfähre nach Vancouver Island und campen wild im Wald (10 Dollar).

Skyline von Vancouver
Vancouver — Foto: w10496z / Pixabay
21. – 23. Juli 1994 // Kreditkarten-Ärger & Butchart Gardens Victoria & Sooke

Großeinkauf in Victoria: Die Kreditkarte wird abgelehnt, und Gabi hat die PIN für die Visa-Karte vergessen. Die Telefonkarten für 20 Dollar werden unbrauchbar vom Automaten gefressen. Am 23. Juli fahren wir nach einer englischen Doppeldecker-Stadtrundfahrt in die Butchart Gardens (22 Dollar). Um 21:45 Uhr erleben wir ein spektakuläres, musiksynchronisiertes 45-Minuten-Feuerwerk. Wir campen gezwungenermaßen wild vor dem geschlossenen Tor einer Bucht-Dauercampinganlage.

Fishermans Wharf in Victoria
Victoria, Fishermans Wharf — Foto: AndreDilweg / Pixabay
24. – 26. Juli 1994 // Wale, Long Beach & Wasserflugzeug Tofino & Pacific Rim

Fahrt über den Highway 4 und steile Serpentinen (Kurven teils nur mit 30 km/h) nach Port Alberni und Tofino. Gabi sichtet zwei Bären am Wegrand. Camp im Pacific Rim National Park (22 Dollar) bei Gewitterregen. Am 25. Juli buchen wir eine Whale-Watching-Bootstour mit einem indianischen Guide im Schnellboot (keine Wale, aber Kormorane und Seelöwen). Am 26. Juli machen wir einen fantastischen Rundflug mit dem Wasserflugzeug (110 Dollar) über die Seelöweninsel und baden im eiskalten Pazifik am Long Beach.

Pazifikstrand bei Tofino
Strand bei Tofino — Foto: jusuf111 / Pixabay
27. – 28. Juli 1994 // Squamish-Stau & Evas Hanghaus Whistler & Squamish

Fahrt mit der Fähre zurück nach Tsawwassen und über den Highway 99 nordwärts. Riesenstau und defekte Tankanzeige (reicht gerade noch zur Tankstelle). Wir übernachten auf einer Halbinsel neben einem deutschen Pfarrer. Am 28. Juli fahren wir nach Whistler Village, besorgen im Buchladen aus dem Telefonbuch die Adresse von Evas Tochter. Eva wohnt in einem malerischen Hanghaus mit Bergblick. Wir besichtigen Evas Café (geschmackvolle Holzhäuser, Wandgemälde) und holen Tochter Micha ab (inzwischen eine junge Dame geworden).

Berge bei Whistler
Whistler — Foto: dirtdiver38 / Pixabay
29. Juli – 3. August 1994 // Die Wüstenoase & Columbia Icefield Glacier Park, Yoho & Jasper

Fahrt über 9 km Schotterpiste nach Lillooet und Cache Creek. Im Juniper Beach Park campen wir in einer wüstenähnlichen Oase (Kakteen und Fluss), tun uns nachts wegen der lauten 112-Waggon Güterzüge der Trans-Canada-Linie aber schwer mit dem Schlaf. Nach einer 11-km-Wanderung im Glacier National Park (Great Glacier Kletterei) besichtigen wir den Rogers Pass und den Yoho Nationalpark (Hoodoo Creek). In Banff fahren wir mit der Gondel auf den Sulphur Mountain (2200 m). Am Columbia Icefield geht es mit dem Riesen-Schneemobil auf den Gletscher (39 Dollar, Gletscherwasser trinken).

Emerald Lake im Yoho-Nationalpark
Emerald Lake, Yoho — Foto: guy_dugas / Pixabay
4. – 7. August 1994 // Staubiger Highway & Gottfrieds Ranch Dawson Creek & Goodlow

Fahrt von Hinton über eine 100 km lange, extrem staubige Schotterpiste (loose gravel) nach Grande Prairie und Dawson Creek. Weiter über Goodlow auf staubiger Piste zur 400-Hektar-Ranch von Gottfried und Ulrike. Auf der einsamen Ranch (Solarstrom, Batterien, Biber-Creek-Dämme) hilft Willfried Gottfried beim Distelnspritzen und Zaunpfähleschneiden. Zum Abendbrot gibt es feines Rehfleisch, am nächsten Tag grillen wir Elchrouladen und Elchbuletten auf offenem Holzfeuer. Rückfahrt nach Dawson Creek ins Alaska Café.

9. – 14. August 1994 // Bennett-Damm & Hell's Gate Seilbahn Manning Park, Osoyoos & Kelowna

Besuch des gigantischen W.A.C. Bennett Staudamms (183 m hoch, 2 km breit) und des Peace Canyon Kraftwerks. Fahrt über Clinton (amerikanische Familie mit 15 Adoptivkindern auf dem Weg nach Alaska getroffen) und Lytton (Zusammenfluss Fraser & Thompson River). Mit der Hell's Gate Seilbahn (15 Dollar) schweben wir über den tosenden Fraser River (Lachsleitern). Camp im Manning Park. Weiter nach Osoyoos (warmes Baden im Osoyoos Lake, Klapperschlangenwarnungen) und Kelowna (Raddampfer besichtigt). Fahrt über Coquihalla Pass (1244 m, 10 Dollar Maut) nach Hope.

15. – 19. August 1994 // Zöllner-Schikane, Seattle-Fischwerfer & Heimflug Bellingham, Seattle & Landung SXF

Camper-Rückgabe-Vorbereitung. Übertritt an der Grenze nach Bellingham (USA) – die US-Zöllnerin durchsucht den Truck und beschlagnahmt empört eine Zitrone aus dem Kühlschrank! Fahrt nach Seattle (Boeing-Werk, Streetcar-Fahrt, Jackson-Metrotunnel mit Trolleybussen). Abschiedsessen am Hafen, Hafenrundfahrt (10 Dollar) und Pike Place Farmers Market (legendäre Fischwerfer). Rückfahrt über die Grenze, Camper-Abgabe bei Cruise Canada (500 Dollar Refund). Stanley Park & Aquarium Besuch. Heimflug via Toronto nach Schönefeld, wo Antje uns empfängt.

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