Adrenalin • Anden, Südamerika · Lesezeit: 8 Min

Der Todespass von Los Andes

Der Bus sah aus, als hätte er seine besten Jahre während der Amtszeit von Pinochet erlebt. Die Reifen waren glatter als die Lügen eines Gebrauchtwagenhändlers, und der Geruch im Inneren war eine betörende Mischung aus Diesel, altem Schweiß und ungewaschenen Alpakas. "Los Andes, directo", verhieß das Schild an der Windschutzscheibe – was auf Spanisch vermutlich "Wenn du betest, fange jetzt damit an" bedeutet.

Mein Sitzplatz war genau über der Hinterachse, was auf unbefestigten Straßen in über 4.000 Metern Höhe das Äquivalent zu einem mechanischen Bullenritt darstellt. Neben mir saß eine einheimische Frau mit drei Hühnern in einem Karton. Die Hühner schienen die einzigen im Bus zu sein, die die Gefahr realistisch einschätzten: Sie gackerten panisch bei jedem Schlagloch.

"Der Busfahrer, ein Mann mit dem Spitznamen 'El Diablo', jonglierte das Lenkrad gelegentlich mit dem Knie."

Die Route "Paso Cristo Redentor" – oder was in unserem Fall eher die düstere Abkürzung der Einheimischen über den "Paso de la Muerte" war – bohrte sich wie eine rostbraune Schlange unerbittlich die Bergflanke hinauf. Rechts erhob sich steiler, blanker Fels. Links öffnete sich das absolute, gnadenlose Nichts: ein Abgrund, so tief, dass selbst der Gischt des Flusses tief unten nicht mehr zu erkennen war.

Die wahre Gefahr war jedoch nicht die Topografie, sondern der Fahrer. Ein stämmiger Mann namens Hector, der es sich anscheinend zur Lebensaufgabe gemacht hatte, die Kurven nicht zu fahren, sondern physikalisch zu schneiden. Während der Bus sich gefährlich zur Seite neigte, bis die Fensterscheiben bedrohlich nah an die Klippenkante rückten, kramte Hector seelenruhig sein Smartphone hervor. Er schob Bonbons auf dem Bildschirm hin und her. Candy Crush.

In diesem Bus gab es keine Leitplanken. Es gab keine Sicherheitsgurte. Es gab nur Hector, seine drei verbleibenden Leben in Level 421 und den Schotter, der unaufhörlich unter den hinteren Doppelreifen wegrutschte und klappernd in den Abgrund fiel. Neun Stunden rohes, unverdünntes Adrenalin, gepumpt in die Adern zitternder Touristen und stoischer Einheimischer.

Los Caracoles – Die 29 Schnecken des Todes

Auf der chilenischen Seite beginnt das, was Ingenieure neutral als „Los Caracoles“ bezeichnen und was jeder, der es einmal erlebt hat, schlicht „den Wahnsinn“ nennt. 29 Haarnadelkurven, so eng übereinandergestapelt, dass man von oben auf das Dach des Busses schauen kann, der drei Kehren unter einem fährt. Die Straße gewinnt auf wenigen Kilometern über 2.400 Höhenmeter – von etwa 800 auf über 3.200 Meter. Das Gefälle ist so steil, dass die Bremsen der Lkws in den unteren Kurven riechen, als würde jemand Stahlwolle grillen.

Ein Guardrail? Vereinzelt. Manchmal ein kniehoher Betonpoller, der aussieht, als könnte ihn ein entschlossener Labrador umwerfen. Meistens trennt dich von der Tiefe nichts als der gute Wille deines Fahrers, keine Abkürzung zu nehmen. Entgegenkommende Lkws – 40-Tonner, beladen mit Kupfererz – nehmen die Kurven so weit außen, dass ihre Reifen über dem Abgrund hängen. Die Fahrer hupen. Nicht als Warnung. Eher als Gruß. Als wollten sie sagen: Ja, ich sehe dich. Ja, es ist eng. Nein, ich weiche nicht aus.

"Der Unterschied zwischen Abenteuer und Nekrolog sind auf dieser Strecke exakt 47 Zentimeter. Das ist die Breite zwischen dem rechten Hinterrad des Busses und dem Abgrund."

Der Cristo Redentor – Christus schaut zu

Auf dem Pass selbst, auf 3.832 Metern Höhe, steht seit 1904 eine sieben Meter hohe Bronzestatue von Christus. Der „Cristo Redentor de los Andes“ wurde errichtet, nachdem Chile und Argentinien gerade so an einem Krieg vorbeigeschrammt waren – ein Grenzstreit um 80.000 Quadratkilometer Land, der nur durch britische Vermittlung und die energische Intervention zweier Bischöfe beigelegt werden konnte. Die Statue wurde angeblich aus eingeschmolzenen Kanonen gegossen. Am Sockel steht: „Eher sollen diese Berge zu Staub zerfallen, als dass Chilenen und Argentinier den Frieden brechen.“

Schöne Worte. Die Ironie ist, dass direkt unter dieser Statue des Friedens jeden Tag Dutzende Lastwagen und Busse vorbeirasen, deren Fahrer einander mit Gesten bedenken, die in keiner Kirche toleriert würden.

Die Grenze – Wo der Wahnsinn pausiert

Die chilenisch-argentinische Grenze im Tunnel – dem Túnel Cristo Redentor, 3.080 Meter lang auf 3.175 Metern Höhe – ist ein Ort der besonderen Absurdität. Man steht in einer Schlange, die sich in einen beleuchteten Betonschlauch erstreckt, der nach Abgasen riecht und in dem die Sauerstoffsättigung auf einem Level liegt, das man höflich als „suboptimal“ bezeichnen könnte. Die Grenzbeamten wirken, als hätten sie seit der Einweihung des Tunnels 1980 ihre Schicht nicht gewechselt.

Auf der argentinischen Seite wird die Fahrt zahmer. Die Straße folgt sanft dem Tal hinab nach Mendoza, vorbei am Puente del Inca – einer natürlichen Gesteinsbrücke, die aussieht, als hätte Gott beim Töpfern ein Reststück Lehm übrig gehabt – und am Fuß des Aconcagua, dem mit 6.961 Metern höchsten Berg außerhalb Asiens. Von hier aus sieht er friedlich aus. Fast gemütlich. Was eine Lüge ist, die jedes Jahr Dutzende Bergsteiger bitter bereuen.

"In Mendoza angekommen, schwor ich mir: Nie wieder. Um 20 Minuten später das Rückfahrticket zu kaufen. Weil manche Süchte stärker sind als Vernunft."

Als wir in Mendoza ankamen, war mein rechtes Knie vom Festhalten am Vordersitz blutig, und meine Knöchel vom Greifen des Armlehnenrestes weiß. Ich stieg wortlos aus. Hector grinste, warf einen Rest Kautabak aus dem Fenster und sagte schulterzuckend: "Tranquilo, amigo. Morgen fahren wir zurück."

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