Abenteuer • Titicacasee, Peru · Lesezeit: 12 Min
Wer glaubt, die schlimmste Art, eine Fähre zu verpassen, sei auf einer griechischen Insel mit einem Cocktail in der Hand, der war noch nie auf 3.812 Metern Höhe, mit einer Lunge, die sich anfühlt wie ein vakuumverpackter Gefrierbeutel, und dem dringenden Bedürfnis, eine Toilette zu finden, die diesen Namen auch verdient. Willkommen am Titicacasee. Willkommen in der Hölle. Also – der besonders malerischen Variante davon.
Die Sache begann, wie die meisten meiner fragwürdigen Entscheidungen beginnen: mit einem vagen Plan und einer optimistischen Schätzung. Die letzte Fähre von der Insel Taquile zurück nach Puno legte um 14:30 Uhr ab. Es war 11 Uhr morgens, und ich befand mich ganz oben auf der Insel, auf dem zentralen Platz, wo alte Quechua-Männer mit bunten Strickmützen saßen und mich mit einer Ruhe beobachteten, die nur Menschen ausstrahlen können, die noch nie in ihrem Leben irgendwohin mussten.
„Drei Stunden", dachte ich. „Ich habe drei Stunden. Der Abstieg zum Hafen dauert vierzig Minuten. Was soll schiefgehen?" Die Antwort darauf, das wurde mir später schmerzhaft klar, lautet: absolut alles.
"Auf 3.800 Metern Höhe vergisst dein Körper grundlegende Konzepte. Zum Beispiel Sauerstoff. Oder Würde."
Zunächst verfiel ich dem fatalen Irrtum, einen „kleinen Umweg" zu nehmen. Ein einheimischer Junge hatte mir am Morgen die Ruinen einer prä-inkaischen Anlage auf der Ostseite der Insel empfohlen. „Muy cerca", sagte er und deutete in eine Richtung, die sowohl links als auch geradeaus sein konnte. „Muy cerca" bedeutet auf Taquile offenbar dasselbe wie „weit genug, um deinen Lebenswillen in Frage zu stellen".
Der Pfad dahin war ein schmaler Eselspfad, der sich durch trockenes Gras und Terrassenfelder schlängelte. Die Sonne brannte ohne jeden Filter auf meinen Nacken. Auf dieser Höhe gibt es keine Atmosphäre, die mich beschützt – jedenfalls fühlt es sich so an. Jeder Schritt nach oben kostete mich drei Atemzüge und den vagen Glauben daran, dass meine Beine mir jemals wieder gehorchen würden. Ich bog um eine Steinmauer und sah – nichts. Keine Ruinen. Kein Schild. Nur weitere Terrassenfelder und einen stoisch kauenden Esel, der mich mit derselben Gleichgültigkeit ansah, mit der ein Barista in Berlin deine Hafermilch-Bestellung entgegennimmt.
12:15 Uhr. Mein Telefon hatte seit dem Festland kein Signal mehr. Die Papierkarte, die ich in Puno an einem Straßenstand für einen Sol gekauft hatte, war ungefähr so detailliert wie eine Kinderzeichnung. Taquile war darauf ein Klecks. Ein sympathischer, blauer Klecks in einem noch größeren blauen Klecks. Sehr hilfreich.
Ich entschied mich, dem Esel zu folgen. Nicht, weil das eine rationale Entscheidung war, sondern weil mir auf dieser Höhe sämtliche rationalen Synapsen weggeblasen worden waren wie Konfetti im Andenwind. „Esel kennen den Weg", sagte ich mir. „Esel gehen nach Hause. Und irgendwo in der Nähe von zu Hause gibt es einen Hafen." Der Esel führte mich zwanzig Minuten lang zu einem einzelnen, trockenen Busch. Er fraß den Busch. Ich stand daneben und überlegte, ob meine Reiseversicherung „irrationales Vertrauen in Nutztiere" abdeckt.
"Der Esel hatte mich nicht verraten. Er hatte nur ein grundlegend anderes Verständnis von 'Ziel' als ich."
13:05 Uhr. Jetzt begann der Adrenalinschub. Oder der Sauerstoffmangel. Auf dieser Höhe ist der Unterschied rein akademisch. Ich rannte – oder das, was mein sauerstoffarmes Gehirn für Rennen hielt, tatsächlich aber eher ein beschleunigtes Taumeln war – zurück in Richtung Hauptplatz. Ein alter Mann auf einer Steinbank sah meinem Elend mit mildem Interesse zu und deutete wortlos den Abhang hinunter. Sein Zeigefinger zeigte auf einen schmalen Pfad, der sich in Serpentinen den Hang hinunterschlängelte wie eine betrunkene Schlange.
Die 587 Stufen hinunter zum Hafen. Ja, ich habe sie gezählt. Ab Stufe 200 zählte ich, weil mir sonst nichts übrig blieb, um nicht an die schwindelerregende Steilheit links von mir zu denken, wo der Hang ohne jeden Zaun in einen hundert Meter tiefen Abgrund zum See überging. Die Stufen waren aus grob behauenem Stein, ungleichmäßig, rutschig und offensichtlich von Menschen gebaut worden, die kein Konzept von Geländern kannten. Oder von Angst.
Ab Stufe 350 begannen meine Knie, ein Geräusch zu machen, das sich anhörte wie das Knarzen einer Schiffstür in einem Horrorfilm. Mein rechter Schuh – ein „wasserdichter Premium-Trekkingschuh", laut dem Online-Shop, in dem ich ihn für 39 Euro erstanden hatte – hatte sich entschieden, seine Sohle als optionales Feature zu betrachten, und begann sich langsam, aber sicher vom Rest zu verabschieden. Ich trabte den Rest mit einer Art einbeinigem Hüpfen, das weder effizient noch würdevoll war.
13:58 Uhr. Ich konnte den Hafen sehen. „Hafen" ist ein generöses Wort für das, was dort unten auf mich wartete: ein Steg aus verwittertem Holz, eine einzelne desinteressierte Möwe und – mein Herz machte einen Satz – ein Boot. Es war da. Es lag noch am Steg. Es fuhr nicht. Noch nicht.
Ich beschleunigte. Mein Rucksack schlug mir ins Kreuz wie ein rachsüchtiger Boxer. Der Sohlen-lose Schuh machte flap-flap-flap auf den Steinen. Ich musste ausgesehen haben wie ein flüchtender Clown auf dem Weg zur Galashow. Zwei Touristinnen aus Frankreich sahen mich mit einer Mischung aus Mitleid und Unterhaltung an, die normalerweise Zirkustieren vorbehalten ist.
"14:27 Uhr. Drei Minuten. Der Unterschied zwischen einer warmen Dusche in Puno und einer Nacht unter freiem Himmel auf 3.812 Metern Höhe: drei lächerliche Minuten."
14:22 Uhr. Ich erreichte den Steg. Keuchend. Schwankend. Mein Gesicht hatte vermutlich die Farbe einer überreifen Tomate. Der Bootsführer – ein Mann um die sechzig, mit einem Gesicht, das von der Sonne zu reinem Leder gegerbt worden war – sah mich an, lächelte ein schmales, wortloses Lächeln und deutete auf eine Holzbank im Boot. Ich fiel hinein. Buchstäblich. Ich fiel auf die Bank, prallte ab und landete auf dem Boden des Bootes, zwischen den Füßen einer peruanischen Familie, die ihre Mittagessen-Tupperware mit stoischer Ruhe festhielt, als wäre ein kollabierender Tourist ein normaler Bestandteil ihrer Nachmittagsroutine.
Die Fähre legte ab. Ich lag auf dem Boden eines Holzbootes und starrte in den absurd blauen Himmel über dem Titicacasee, während mein Herz hämmerte und meine Lunge sich langsam daran erinnerte, was ihre historische Kernaufgabe war. Um mich herum roch es nach Diesel, nach Chicha und nach dem leisen Triumph, es gerade noch geschafft zu haben.
Die Rückfahrt nach Puno dauerte drei Stunden. Drei Stunden auf einer Holzbank, die härter war als jede Prüfung, die ich in meinem Leben abgelegt hatte. Das Boot stampfte durch die Wellen des Sees, der auf dieser Höhe nicht etwa sanft plätschert, sondern sich aufführt wie ein Ozean im Miniaturformat. Wellen von ein bis zwei Metern. Gischt, die über die Bordwand spritzte. Ein Motor, der bei jeder dritten Welle hustete wie ein kettenrauchender Großvater.
Neben mir übergab sich ein australischer Backpacker, der sich mit einem „It's just altitude, mate" entschuldigte – als wäre kosmisches Erbrechen eine sozial akzeptable Reiseaktivität. Die peruanische Familie neben uns packte gelassen ihre Tupperware aus und begann, Reis und Pollo zu essen. Direkt neben dem Australier. Ohne auch nur eine Augenbraue zu heben. Das ist die Art von emotionaler Stärke, die man nur entwickelt, wenn man sein ganzes Leben auf 3.800 Metern verbracht hat.
Als wir schließlich in Puno anlegten, war die Sonne längst hinter den Bergen verschwunden. Die Stadt lag in jenem pfirsichfarbenen Dämmerungslicht, das alles weicher, gnädiger aussehen ließ – selbst die Betonklötze am Ufer. Ich stolperte auf den Steg, ein Schuh intakt, der andere nur noch symbolisch vorhanden, und fühlte mich auf eine bizarre Art lebendig. Lebendiger als nach jedem Strandurlaub, jedem All-inclusive-Buffet, jedem Wellness-Wochenende.
Im Hostel angekommen, bestellte ich eine Mate de Coca – den heiligen Höhenkrankheits-Tee der Anden – und saß auf der Dachterrasse. Der Titicacasee lag unter mir wie ein schwarzer Spiegel. Irgendwo da draußen, auf einer Insel ohne Straßen, ohne Autos und ohne die geringste Verpflichtung, irgendetwas pünktlich zu tun, saßen die alten Männer von Taquile mit ihren Strickmützen und wunderten sich wahrscheinlich kein bisschen über den verrückten Gringo, der durch ihre Felder gerannt war wie ein aufgescheuchtes Lama.
Ich nahm einen Schluck Tee. Der war bitter. Perfect.
| Spezifikation | Details & Aktuelle Vorgaben |
|---|---|
| Lage & Höhe | 3.812 m ü. M. – höchster kommerziell schiffbarer See der Welt. Grenze Peru/Bolivien. Fläche: 8.372 km² (ca. 15× Bodensee). |
| Isla Taquile | 5,5 × 1,6 km große Insel, ca. 2.200 Einwohner (Quechua). UNESCO-Immaterielles Kulturerbe seit 2005 (Textilkunst der Männer). Keine Autos, keine Hunde, keine Hotels. Nur Familien-Homestays. |
| Höhenkrankheit (Soroche) | Ab 2.500 m möglich. Symptome: Kopfschmerzen, Übelkeit, Atemnot, Schwindel. Empfehlung: 2–3 Tage Akklimatisierung in Puno/Cusco. Mate de Coca hilft. Kein Alkohol in den ersten 48 Stunden. |
| Transport (Stand 2026) | Fähren ab Puno Hafen täglich 7:00–8:00 Uhr. Rückfahrt letzte Fähre ca. 14:30 Uhr. Fahrzeit: ~3 Std. pro Richtung. Preis: 25–35 Soles (~6–8 EUR). Kein fester Fahrplan – Abfahrt bei voller Auslastung. |
| Klima | Tagsüber 14–20°C (Sonneneinstrahlung extrem durch dünne Atmosphäre, UV-Index bis 14). Nachts regelmäßig unter 0°C. Regenzeit: Dezember–März. |
| Sicherheitshinweis | Keine Geländer an den 587 Stufen zum Hafen. Steinpfade bei Regen extrem rutschig. Keine medizinische Versorgung auf der Insel. Nächstes Krankenhaus: Puno (3 Std. Bootsfahrt). Immer genug Wasser und Sonnenschutz mitführen. |
| Dabei gehabt | Tatsächlich gebraucht | Fazit |
|---|---|---|
| 39-Euro-Trekkingschuhe | Schuhe, deren Sohle nicht desertiert | Sparsamkeit hat ihren Preis. Meistens deine Sohle. |
| 1 Liter Wasser | Mindestens 3 Liter | Auf 3.800 m dehydrierst du schneller, als du „Pisco Sour" sagen kannst. |
| Touristen-Papierkarte (1 Sol) | Offline-GPS mit Höhenlinien | Eine Karte, auf der die Insel ein Klecks ist, ist keine Karte. |
| Optimismus | Realistisches Zeitmanagement | Überbewertet. Aber hat mich am Leben gehalten. |
| Sonnencreme LSF 30 | Sonnencreme LSF 50+ (mindestens) | UV-Index 14 nimmt keine Rücksicht auf mitteleuropäische Hauttypen. |
| Vertrauen in einen Esel | Vertrauen in mich selbst | Esel sind keine Navigationsgeräte. Notiert. |
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