Chemie eines Extremsees
Der See hat keinen Abfluss. Was hineinfließt, verdunstet — zurück bleiben Natriumkarbonate, dieselben Salze, mit denen die alten Ägypter Mumien trockneten. Der pH-Wert steigt auf bis zu 10,5, fast so ätzend wie Salmiakgeist. Die rote Farbe stammt von salzliebenden Mikroorganismen, die als einzige in dieser Lauge gedeihen. Tiere, die im Wasser verenden, verkrusten mit Salz — die berühmten Fotos „versteinerter“ Vögel zeigen genau das: perfekt konservierte Salzmumien.
Warum der Tod hier Leben schützt
Ausgerechnet die Lebensfeindlichkeit macht den See unersetzlich: Auf seinen Salzinseln brüten drei Viertel aller Zwergflamingos der Welt — Räuber wagen sich nicht über die ätzenden Flächen. Millionen Vögel färben den Horizont rosa. Die Flamingos selbst schützt zähe Haut an den Beinen, und ihr Trinkwasser filtern sie aus Quellen am Ufer. Es ist eines der großen Naturschauspiele Afrikas, und es hängt an diesem einen See.
Die Gefahren für Besucher
Für Menschen ist der See kein Badeort: Das Wasser reizt Haut und Augen, und die flachen Lagunen werden heiß genug, um Haut zu verbrühen. Dazu kommt die Umgebung — eine der heißesten, trockensten Regionen Ostafrikas, weit weg von medizinischer Versorgung. Wer den nahen Vulkan Ol Doinyo Lengai besteigen will, tut das nachts wegen der Hitze, auf losem Aschegrat, mit Führer. Die Region ist Massai-Land; Besuche laufen über die örtlichen Gemeinden.
Und warum trotzdem hinfahren?
Weil es aussieht wie auf einem anderen Planeten — und klingt wie auf diesem: Millionen Flamingos, Wind, sonst nichts. Der Natron liegt abseits der Safari-Routen, Besucher sind selten, Lodges einfach. Wer Hitze erträgt, mit Führer läuft und den See als das respektiert, was er ist — ein Naturlabor, kein Fotohintergrund zum Anfassen —, erlebt Ostafrika in seiner ältesten, rauesten Form.