Eine Seemacht im Miniaturformat
Amalfi war im Mittelalter eine der vier großen Seerepubliken Italiens, Konkurrentin von Venedig und Genua. Aus dieser Zeit stammen die „Tavole Amalfitane“, eine Sammlung von Seefahrtsregeln — wie weit sie tatsächlich reichte, ist unter Historikern strittiger, als Reiseführer es darstellen. Vom Reichtum zeugt der Dom mit seiner Bronzetür aus Konstantinopel und dem maurischen Kreuzgang. Im November 1343 zerstörte eine gewaltige Flut die Hafenanlagen von Amalfi und Neapel. Petrarca war zufällig in der Gegend und beschrieb sie zwei Tage später in einem Brief. Ob ein Seebeben dahintersteckte, ein Bergsturz vor Ischia oder schlicht ein außergewöhnlicher Sturm, streiten Forscher bis heute. Die Küste war nie harmlos, nur schön.
Die Straße, die alle meinen
Die SS163, gebaut unter Ferdinand II., windet sich in hunderten Kurven durch die Steilwand — jede Biegung ein Postkartenblick, jede Begegnung mit einem Bus ein Zentimeterspiel. Wer selbst fährt, braucht Nerven und findet keinen Parkplatz; die klügeren Varianten heißen Linienbus und Fähre — der Blick von See ist ohnehin der beste. Für Zweiräder gilt die Kennzeichenregel übrigens nicht; ob das die Straße angenehmer macht, ist eine Frage der Nerven. Faustregel der Einheimischen: Die Küste genießt, wer nicht selbst lenkt.
Oberhalb der Gassen: der Götterweg
Der beste Gegenentwurf zum Gedränge liegt vierhundert Meter über dem Meer: Der Sentiero degli Dei, der Götterweg, zieht von Bomerano nach Nocelle durch Macchia und Felsbänder, mit der ganzen Küste als Dauerpanorama bis Capri. Dazu Terrassen voller Sfusato-Zitronen — aus ihnen entsteht der Limoncello, und die Größe der Früchte lässt Erstbesucher regelmäßig an Attrappen denken. Wanderschuhe schlagen hier jede Bootstour.
Ehrlich bleiben: eng, teuer, überlaufen — und trotzdem
Im Juli und August ist die Küste ein einziger Stau mit Meerblick, Positanos Gassen werden zur Einbahn-Menschenschlange, die Preise spielen Oberliga. Die Gegenmittel: Mai, September oder Oktober reisen, in Praiano, Minori oder Atrani statt Positano wohnen, früh aufstehen. Dann zeigt die Küste, warum seit Jahrhunderten alle herwollen: Abendlicht auf Pastellfassaden, Zitronenduft, und ein Espresso an einer Piazza, die kleiner ist als manches Wohnzimmer.