Eine Insel als Evolutionslabor
Vor rund 11.000 Jahren stieg der Meeresspiegel und schnitt die Insel vom Festland ab. Die dort gestrandeten Lanzenottern hatten keine Beutetiere am Boden mehr — also spezialisierten sie sich auf Zugvögel, die auf der Insel rasten. Dafür brauchten sie ein Gift, das schnell wirkt, bevor der Vogel davonfliegt. Das Ergebnis ist die Insel-Lanzenotter (Bothrops insularis): Ihr Gift gilt als drei- bis fünfmal stärker als das ihrer Verwandten auf dem Festland.
Wie viele Schlangen sind es wirklich?
Die oft zitierte Zahl „fünf Schlangen pro Quadratmeter“ ist Legende — seriöse Schätzungen gehen von etwa 2.000 bis 4.000 Tieren auf der 43 Hektar großen Insel aus. Das ist immer noch eine der höchsten Schlangendichten der Welt. Die Tiere leben in den Bäumen, sind tagaktiv und haben auf der Insel keine natürlichen Feinde. Für Menschen bedeutet ein Biss ohne schnelle Behandlung Lebensgefahr — und das nächste Krankenhaus liegt eine Bootsstunde entfernt.
Verboten, bewacht, begehrt
Die brasilianische Marine kontrolliert die Insel, betreten dürfen sie nur Forschungsteams mit Sondergenehmigung — in Begleitung eines Arztes. Ausgerechnet das Verbot macht die Insel begehrt: Die seltene Lanzenotter erzielt auf dem Schwarzmarkt hohe Preise. Tierschmuggler gelten als reale Bedrohung für den Bestand. Die Art steht auf der Roten Liste als vom Aussterben bedroht — die gefährlichste Schlange der Insel ist, wie so oft, der Mensch.
Und wie nah kommen Sie legal heran?
Per Boot bis vor die Küste — Angeltouren und Ausflüge ab Itanhaém oder Peruíbe fahren in Sichtweite der Insel, ohne anzulegen. Das genügt völlig: Sie sehen die grüne Kuppel im Atlantik und den verlassenen Leuchtturm von 1909 — seine letzte Wärterfamilie starb der Legende nach durch Schlangenbisse. Und Sie behalten alle zehn Finger. Der Rest ist Sache der Forschung — und der Vorstellungskraft.